Stephan Krawczyk zu Besuch im Gymnasium Immenstadt

Lesereise des Bürgerrechtlers und Zeitzeugen Stephan Krawczyk

 

Es war die bunte Mischung, die den Reiz einer „Konzertlesung“ des Autors und Liedermachers Stephan Krawczyk am Gymnasiums Immenstadt ausmachte. Den Schülerinnen und Schülern der 12. Jahrgangsstufe bot Krawczyk, der aufgrund seiner authentischen Art rasch einen Zugang zu seinem jungen Publikum fand, ein abwechslungsreiches Programm mit Erzählungen aus seinem Leben, mit literarischen Texten und natürlich seinen Liedern, die er mal mit der Gitarre, mal mit der Ukulele oder mit seinem 107 Jahre alten Bandoneon begleitete.

 

Und auch die Bandbreite seiner Themen war vielfältig, sie reichte von tiefsinnigen, sprachphilosophischen Betrachtungen über witzige Anekdoten bis hin zu gesellschaftskritischen Anmerkungen. Dies zeigt, dass Krawczyk nicht nur auf seine Vergangenheit als Oppositioneller in der ehemaligen DDR reduziert werden darf, obwohl freilich hier viele seiner künstlerischen Wurzeln zu suchen sind und dies seinen Bekanntheitsgrad ausmacht. Krawczyk hatte 1981 den Hauptpreis der „Chansontage der DDR“ gewonnen. In den folgenden Jahren wurden seine Texte jedoch zunehmend kritischer, bis 1985 ein Berufsverbot über ihn verhängt wurde. Dennoch trat er – gemeinsam mit seiner Ehefrau Freya Klier – in Kirchen auf und wurde somit zu einer Symbolfigur der DDR-Bürgerrechtsbewegung.

 

Erwartungsgemäß lag ein Schwerpunkt des Programms dann auch auf Texten und Liedern, die sich mit der DDR-Vergangenheit befassen. Nicht fehlen durfte natürlich der Song „Wieder stehen“, der in der Endphase der DDR vielen Dissidenten Mut machte und mit seinem doppeldeutigen Titel geradezu Kultstatus erlangte. Er beschreibt in poetischen Bildern die Hoffnungslosigkeit und Kälte eines Lebens in Unfreiheit, jedoch die Liebe – so die dritte Strophe – könne Trost spenden, denn dem geliebten Partner müsse man nicht „widerstehen“.

 

In den Bann gezogen wurden die Schüler auch durch eine längere, unveröffentlichte Erzählung, die Krawczyk vortrug. Sie handelt von dem Westberliner Jungen Simon, der bei einem Klassenausflug in den Ostteil der Stadt den gleichaltrigen Ronald kennenlernt. Über die Musik – beide sind AC/DC-Fans – entwickelt sich eine deutsch-deutsche Freundschaft, mit ein paar Briefen und einem Treffen in einer Kneipe am Prenzlauer Berg. Kurze Zeit später erhält Simon aber bereits den letzten Brief von Ronald, in dem dieser den Kontakt abbricht, nachdem die Stasi von dem „unerwünschten Westkontakt“ erfahren hat. Ronald sollte als IM angeworben werden, um Simon auszuspionieren. Dass mit der Weigerung Ronalds all seine beruflichen Träume verbaut sind, erfährt Simon erst nach der Wende.

 

Um die Themen „Stasi“ und „Freundschaft in der DDR“ ging es auch in der abschließenden Diskussion, bei der Stephan Krawczyk auf Schülerfragen einging. In der Tat sei man – so Krawczyk – nie sicher gewesen, wem man trauen könne und wem nicht. Er selbst habe zum Beispiel erst aus seiner Stasi-Akte erfahren, dass ein junger Fan, der sich nach einem Konzert begeistert über seine Lieder geäußert und den Kontakt zu ihm gesucht hatte, ein Spitzel war. Im Ganzen waren es achtzig Stasi-Mitarbeiter, die auf den Liedermacher angesetzt waren und dazu beitrugen, dass er schließlich festgenommen und nach einer kurzen Haftzeit im berüchtigten Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen in den Westen abgeschoben wurde. Den Schülerinnen und Schülern vermittelte der Auftritt Stephan Krawczyks Geschichte anschaulich und aus erster Hand.

 

Der von der Fachschaft Deutsch organisierte Auftritt des Autors Stephan Krawczyk am Gymnasium Immenstadt erregte ein ungewöhnliches Medieninteresse: So war auch eine Redakteurin des Bayerischen Rundfunks vor Ort, die Teile des Konzerts mitschnitt und einige Schülerinnen und Schüler interviewte. Daraus entstand ein Beitrag im Rahmen der Reihe „Eins zu Eins – Der Talk“, der eine Woche später auf Bayern 2 gesendet wurde.

 

Gerhard Klein

 



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