Reisetagebuch Bangladesch

Eine Reise zu den Partnerschulen nach Bangladesch

(Verantwortlich: Michael Renner, Schulleiter)

 

Mir war und ist diese Partnerschaft zwischen Deutschland und Bangladesch, zwischen Schulen hier im Allgäu und Slumschulen in Dhaka, ein persönliches Anliegen.

Von 1999 an, der Gründung dieser Partnerschaft, war ich an meiner „alten“ Schule, dem Gymnasium Füssen, ganz stark in das Projekt der Förderung von Slumschulen in Dhaka, Bangladesch, involviert. Hierbei lernte ich auch Mr. Babul, den Koordinator und Organisator der Arbeit vor Ort, bei seinen Besuchen in Deutschland persönlich kennen. Unsere Kooperationspartner bei diesem Projekt über nunmehr 16 Jahre sind die „German Doctors“ und Herr Dr. med. Karl Kieferle aus Nesselwang, der selbst als Arzt mehrmals in Dhaka arbeitete.

Seit 2009 unterhält nun auch meine „neue“ Schule, das Gymnasium Immenstadt, eine Schulpartnerschaft mit den Slumschulen in Dhaka. Fast 10 000 Euro an Spendengeldern flossen seitdem von Immenstadt nach Bangladesch. Mr. Babul forderte mich immer wieder auf, doch selbst einmal nach Bangladesch zu reisen und sich eigene Eindrücke direkt vor Ort zu verschaffen. Zusammen mit meiner Frau Christine nahm ich diese Einladung an und flog in den Osterferien 2008 nach Dhaka. Im Tagebuchstil folgen unsere persönlichen Eindrücke direkt vor Ort zu verschaffen. Zusammen mit meiner Frau Christine nahm ich diese Einladung an und flog in den Osterferien 2008 nach Dhaka. Im Tagebuchstil folgen unsere persönlichen Eindrücke:

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Sonntag, der 16. März 2008:

„Bangladesch ist ganz anders, das muss man selbst einmal erlebt haben!“ Oft haben wir diesen Satz vor unserer Reise gehört. Worin aber dieses „Anderssein“ besteht, wissen Christine und ich noch nicht. Wir wollen die Partnerschulen kennen lernen und vor Ort feststellen, was mit dem Spendengeldern geleistet wird.          

 

Montag, der 17. März 2008:

Ein erster Schock als wir das Flughafengebäude in Dhaka verlassen: Wir landen in einem großen „Käfig“, bewacht von Polizei und Soldaten. Unzählige neugierige Augen blicken uns durch eiserne Gitterstäbe an. Zum Glück entdecken wir schnell den winkenden Mr. Babul. Die Fahrt führt uns durch das kaum beschreibbare und für europäische Verhältnisse völlig chaotische Verkehrsgewühl von Dhaka in unser Quartier in den Slum „Manda“. Auf was haben wir uns da eingelassen?

 

Dienstag, der 18. März 2008:

Mitten im wohlhabenden Diplomatenviertel Gulshan befindet sich der Slum „Korail“.                                                                  

Die 53 Kinder „unserer“ ersten Slumschule stehen zur Begrüßung Spalier mit ihrer Lehrerin.

Wir bekommen Blumengirlanden umgehängt und müssen viele Hände schütteln.

Auf engstem Raum sitzen die Schüler zum Unterricht zwischen den Hütten zusammen und doch ist es ruhiger und disziplinierter als in mancher deutschen Klasse und sie sind alle voll motiviert.  Neugierig wie alle Kinder dieser Erde verlieren sie bald jede Scheu. Christine und ich müssen in ihren Heften „unterschreiben“ und sie in Englisch „unterrichten“.

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Eine Tafel und Kreide für die Lehrerin - ein Stift, ein Schulbuch, ein Heft sowie eine zerschlissene Schultasche für die am Boden sitzenden Schüler – das sind die „Unterrichtsmaterialien“.  Ihr Lerneifer aber kennt keine Grenzen. Die Menschen im Slum Korail sind arm. Aber sie beeindrucken uns mit ihrer überwältigenden Freundlichkeit.

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Am Nachmittag begrüßen uns 600 Schüler mit ihren Lehrkräften in unserer zweiten Schule in „Manda“. Als Schulgebäude steht ein angemietetes Hochhaus zur Verfügung. Vier Stockwerke dienen der medizinischen Versorgung und dem Unterricht, im 5. Stock sind die „German doctors“ untergebracht. Sie leisten, wie z.B. „unser“ Dr. Karl Kieferle aus Nesselwang, für jeweils sechs Wochen ehrenamtlich medizinischen Dienst in den Slums.

Christine und ich haben hier für die Dauer unseres Aufenthalts ein einfaches Gästezimmer. Bei den täglichen „Streifzügen“ durch das Haus stoßen wir nicht nur auf wissbegierige Schüler und Lehrer, wir erfahren auch viel über dem Alltag:

-      Es gibt eine „Feeding – Station“, in der junge Mütter mit ihren unterernährten Babys stationär behandelt werden.  

-      Beachtenswert ist die mit 8 qm winzige Küche der Schule. Auf offener Kochstelle wird das tägliche Essen für über 600 Personen zubereitet.

-      Im Zwei-Schicht-Betrieb unterrichten 14 Lehrerinnen und Lehrern täglich 675 Schüler.

-      Ein Lehrer in Manda verdient zwischen 40 und 60 Euro im Monat, ein Rickschahfahrer kommt auf 20 Euro, ein 14 jähriges Mädchen in der Kleiderfabrik bei 60 Stundenwoche (!) auf 16 Euro/Monat.   

-      Europa gilt als „das Schlaraffenland“ für die Menschen. Fast jede/jeder wäre uns sofort nach Deutschland gefolgt.

-      Weil nach den staatlichen Lehrplänen gelehrt wird, haben die Schüler mit dem Abschluss der 9. Klasse die Möglichkeit, auf ein staatliches oder privates College und später sogar die Universität zu wechseln.Leider scheitert bei den meisten die Universitätskarriere am Geld.

-      Angesichts dieser Tatsache hat Mr. Babul neben der schulischen Bildung die berufliche Ausbildung forciert.Vom Frisörberuf über Computerkurse reicht das Angebot bis hin zur Ausbildung im Nähen und Sticken.

-      Im „Culture“ Programm können die Schülerinnen und Schüler nach HerzenslustTheater spielen, musizieren oder tanzen. Es gibt viele Talente!

                                                                            

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Mittwoch, der 19. März 2008:

Der Slum „Ganderia“ ist der ärmste, den wir besuchen. Direkt neben einem Bahngleis stehen unzählige armselige Hütten auf engstem Raum zusammen. Dazwischen „unsere“ dritte Slumschule. Ein Rundgang führt uns zuerst durch die Schule, dann durch den Slum. Zwar gibt es sauberes Wasser aus Tiefbrunnen, die von Hilfsorganisationen (z.B. von „Ärzten für die Dritte Welt“) finanziert und eingerichtet wurden, doch direkt neben den Hütten steht das Abwasser in den chronisch verstopften Latrinen. Der Geruch ist dementsprechend. Noch etwas bleibt uns in Erinnerung. Ein von schweren Brandwunden entstellter Junge darf sich nicht medizinisch behandeln lassen. Seine Eltern verweigern ihm die Hilfe, denn beim Betteln hat er mit seinen Wundmalen größere Chancen. Zum Glück sind solche Eltern auch in Bangladesch die Ausnahme.

 

Donnerstag, der 20. März:

Meine Frau holt sich in der Schulnäherei die eigens für sie hergestellte einheimische Kleidung ab. Mit der weiten Bluse und Hose zieht sie als „helle“ Europäerin nicht mehr alle Blicke auf sich.

Am Nachmittag fahren wir zum „New Market“, der Haupteinkaufsstraße von Dhaka.

Eine Menschenmasse wie dort haben wir noch nie erlebt. Münchens Fußgängerzone in der Adventszeit kann dagegen als absolut „überschaubar“ bezeichnet werden.

 

Freitag, der 21. März:

Am Straßenrand bilden Menschen lange Schlangen vor den staatlichen Reisverkaufsstellen. Soldaten bewachen die Ausgabe von verbilligtem Reis. Der Reispreis hat sich innerhalb weniger Monate verdoppelt, vor allem auch seit weltweit Lebensmittelspekulanten mitmischen.

Mr. Babul erzählt uns, dass er die tägliche Schulmahlzeit bald einschränken bzw. einstellen muss. Leidtragende sind wieder einmal die Schwächsten, die Kinder. Ihnen drohen noch mehr Hunger und Unterernährung – wie allen anderen Benachteiligten auch.

 

Samstag, der 22. März:

Zwei Schüler zeigen uns „Old Dhaka“. Dabei erfahren wir, dass unsere dreizehnjährige Begleiterin bereits verheiratet war, inzwischen aber zum Glück wieder geschieden ist. Leider hat die von den Eltern arrangierte Ehe von Kindern (nicht nur) in Bangladesch noch immer Tradition. Verkehrte Welt – nur langsam ändert sich hier etwas – auch dank der inzwischen besseren Bildungschancen für Mädchen.

Später, in einem Park, werden wir „Filmstars“. Eine bekannte bengalische Sängerin dreht gerade einen Videoclip und entdeckt uns Europäer. Kurzerhand werden wir in den Clip „eingebaut“.

Zum Playback der Musik tänzeln wir mit ihr durch den Park. Hunderte Zuschauer sehen zu.

Egal, blamieren können wir uns nicht. Hier kennt uns ja keiner!                     

 

Sonntag, der 23. März:

Ostersonntag – komischerweise auch in Bangladesch vielerorts frei – vielleicht noch ein Überbleibsel der englischen Kolonialzeit. Wir machen einen Ausflug aufs Land. Neben relativem Wohlstand in den Dörfern gibt es ungeheuer ärmliche Behausungen. Die Gastfreundschaft der Menschen aber ist überwältigend. Wir spüren den Stolz und die Freude, die sie bei der Bewirtung von uns Gästen aus Europa empfinden und haben gute Gespräche. Auffallend für uns Allgäuer: Auch auf dem Land treffen wir unzählige Menschen.

Doch kein Wunder: Die Bevölkerung Bangladeschs ist in den letzten 35 Jahren von 70 auf 145 Millionen angewachsen! Pro Quadratkilometer leben 1025, in Deutschland dagegen nur 231 Menschen.                                                       

 

Montag, der 24. März:

Für über 800 Euro nehmen wir die Produktion an Decken und bunter Kleidung der Schülerinnen mit. Im Allgäu finden sich dafür erfahrungsgemäß viele Abnehmer. Das Abschlussfest in der „Manda school“ ist grandios. Wir sind gerührt von der Dankbarkeit, die uns entgegengebracht wird. Und wir sind stolz darauf, dass sich inzwischen zwei Allgäuer Gymnasien schon so lange und so nachhaltig für eine bessere Zukunft der Menschen in den Slums hier einsetzen.

Über 4265 Schüler und Patienten werden monatlich von unserem Projekt erreicht. Bei Gesamt-kosten von 2 000 Euro sind das gerade mal 2,81 Euro pro Person im Monat. Was sind schon knapp 3 Euro in Deutschland? Fazit: Wir haben selbst gesehen und erlebt, wie viel Gutes unsere Hilfsgelder in den Slums bewirken und wie dankbar die Menschen sind.

Drei Eindrücke blieben uns ganz persönlich hängen:                                                                                                              -   Die Bevölkerungsdichte, der Smog und der Lärm waren für uns auf Dauer belastend. Man sehnt sich nach einer Brise frischer Bergluft oder der Stille eines Waldspazierganges.

-   Die Menschen in den Slums kämpfen täglich um ihr Überleben und verlieren dabei doch nicht ihren Optimismus, ihre Offenheit und Freundlichkeit. Das hat uns zutiefst berührt und geprägt.

-   Wir leben nicht allein, sondern sind eingespannt in ein Netz globaler Verantwortung, nicht nur beim Klima. Wir haben eine Hilfsverpflichtung gegenüber den Armen und sollten „einfacher“ leben.

 

 

 

 Auf Wiedersehen Bangladesch!



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